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Sprachverarbeitung und Framing

Illustrationen: Justus Körtgen

Die Männer in unseren Köpfen

Wie Sprache in unser Gehirn kommt und was sie dort anrichtet

Wir haben gelernt, dass alle Geschlechter gemeint sind, wenn "man" vom Mann redet. Wieso macht es einen so großen Unterschied welchen Genus wir verwenden? Wurden wir nicht alle mit einem Verstand geboren, der fähig ist, rational zu denken und zwischen Genus und Sexus zu unterscheiden? ​

Wenn wir uns anschauen, wie Sprache neurologisch funktioniert und was zwischen „Sprache rein“ und „Handlung raus“ in unserem Gehirn alles so passiert, dann stellen wir fest: Oooops! Die Verwendung des Generischen Maskulinums hat tatsächlich Auswirkungen auf unser Handeln und damit auch auf die Organisation unserer Gesellschaft.

Sprach-Verarbeitung:

Wie kommt Sprache in unseren Kopf?

Menschen wie ich, die in einer digitalen Welt aufgewachsen sind, stellen sich unser Gehirn gerne wie einen Computer vor. Beziehungsweise so, wie sich vermutlich die meisten Menschen, die wie ich komplette IT-Dilettant:innen sind, einen Computer vorstellen: Da sind so ein paar Ordner, vielleicht auch ein paar viele Ordner, in denen sind noch mehr Unterordner und irgendwann stößt Mensch auf ein paar Dateien unterschiedlichen Formats und zwischendurch passieren ein paar nervige Dinge, die wir nicht verstehen (z.B. irgendwas hängt sich auf, Dokumente verschwinden, Formatierungen verrutschen, das komplette Gerät entscheidet sich plötzlich einfach auszugehen, ...). Aber so alles in allem hat in unserer Vorstellung sowohl Computer als auch Gehirn eine ordentliche Ordner-Ordnung und nachvollziehbare, sortierte Strukturen.


HA! Denkste. Pustetörtchen. Der Neuro-Linguist George Lakoff drückt es folgendermaßen aus:

 

 

Im Vergleich zu einem Computer ist unser Gehirn eher so ein unaufgeräumtes Teenie-Zimmer: Es müffelt leicht, überall liegen Socken und Unterhosen, leere Kaffee-Tassen, die Wände sind voller schrecklicher Poster und kein Mensch der Welt weiß um alle Geheimnisse in den Schubladen, für die auch der:die Zimmerbewohner:in keinen Schlüssel mehr hat. Für die unwissenden Eltern wirkt es chaotisch. Für den:die Teenie hat es aber System. Und um das System zu verstehen, braucht es eins: Eben genau den:die Teenie, der:die in dem Zimmer wohnt.

So ist es auch mit unserem Gehirn. Es ist kein in sich geschlossenes System, sondern braucht den gesamten Menschen, um zu funktionieren und zu lernen. Genauer gesagt: Unseren Körper und unsere Sinneswahrnehmungen. Denn über diese lernen wir zu Sprechen und Sprache zu verstehen. Und damit meine ich nicht nur unsere Ohren, die Wörter hören oder unsere Augen, die Gebärden sehen. Sondern ALLE Sinneswahrnehmungen. Auch Tasten, Schmecken, Riechen – und vor allem Emotionen.

Konkret heißt das: Kinder lernen als erstes die Begriffe von Objekten, die sie sinnlich wahrnehmen können. Die sie also über Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen selbst erfahren. Gestillt zu werden und an einem bestimmten Körper herumgetragen zu werden, sind in der Regel unter den ersten Erfahrungen eines Neugeborenen. Folglich lernt es vergleichsweise schnell den sprachlichen Ausdruck, den es mit dieser Erfahrung verbindet: „Mama“. Oder „Papa“. Je nach dem. Als nächstes finden wir vielleicht diese runden Dinger interessant, die so lustig hüpfen. Und lernen dessen sprachlichen Ausdruck: Ball.

Das Gilt aber nicht nur für konkrete Objekte, die mensch anfassen kann, sondern auch für Ausdrücke wie "ja" und "nein", für Gefühle und später auch für Abstrakta wie "Freiheit" oder "Staat". Um damit klar zu kommen, dass unsere Umwelt aus tausenden von abstrakten Ideen besteht, packen wir sie in Metaphern, um nicht komplett den sinnlichen Anschluss zu verlieren. So werden beispielsweise Gedanken und Wörter zu Objekten um sie "begreifen" oder über sie "stolpern" zu können. Politische Abstrakta werden gerne in Familien-Metaphern gepackt, wie "Vater Staat" und "Mütterchen Russland" und wir reden gerne von "Schwesternstaaten".

Der Fachbegriff dafür ist „Embodied Cognition“ (übersetzt: „Verkörperte Kognition“)[ii]. Mit diesem Begriff aus der Kognitionswissenschaft (also die Wissenschaft, die untersucht, wie unser Gehirn funktioniert) ist gemeint, dass wir Worte verstehen, indem unser Gehirn diese mit körperlichen Erfahrungen verbindet. Die Kognitionslinguistik weiß mittlerweile, dass die verschiedenen Teile unseres Gehirns viel stärker miteinander im Austausch sind, als lange angenommen. Nur so lernen wir als Neugeborene die Bedeutung dieser seltsam aneinander gereihten Laute, die die Menschen um uns herum da von sich geben.

Was hat das jetzt alles mit Gendern zu tun? Nun, wenn wir einmal begriffen haben, dass sich unser Hirn nicht nur in einen Temporallappen, Scheitellappen, Frontallappen und andere Lappen einteilen lässt, dann ist es nicht mehr weit zu verstehen, dass sich Sprache nicht von den anderen Vorgängen unseres Hirns trennen lässt. Dem Denken und Handeln zum Beispiel.

George Lakoff_Justus Koertgen
Lappensalat_Justus Koertgen
Kant Rassismus Justus Körtgen

Lappensalat:

Framing theorie nach elisabeth wehling

Dass Sprache und Denken irgendwie zusammenhängen, ist für die meisten Menschen einleuchtend. Oft müssen wir nachdenken, wenn wir was sagen wollen und manche denken zu wenig nach, wenn sie was sagen (was vor allem der:dem Gegenüber dann auffällt). Darum ist der Stoff, aus dem unser Lappensalat (a.k.a. Gehirn) die Wörter und Ausdrücke zuschneidet und vernäht, von viel größerer Bedeutung, als das Wort selbst. Dieser Stoff ist der so genannte Frame.

​Die Kognitionslinguistin Elisabeth Wehling schätzt, dass 98 Prozent aller Vorgänge in unserem Gehirn unbewusst passieren. Acht-und-neun-zig-Pro-zent! Das meiste, was in unserem Gehirn passiert, kriegen wir also gar nicht mit. Fast alles, um es mal auf den Punkt zu bringen. Irgendwie beängstigend. Aber irgendwie auch gut. Denn unser Gehirn ist ein krass aktives Organ: Im Durchschnitt verarbeitet es 20 Laute pro Sekunde und kann ein Wort nach ca. 200 Millisekunden ab dem Zeitpunkt des Äußerungsbeginns identifizieren.[iii] Da erscheint es nur logisch, dass wir das alles nicht mitkriegen. Das wäre sonst der totale Overkill. Damit das mit dem Denken also effizient funktioniert, hat sich unser Hirn einen cleveren Mechanismus ausgedacht, der sehr eng mit der Embodied Cognition zusammenhängt. Er packt Wörter, Sätze und Ausdrücke in Deutungsrahmen, in Frames. Und diese sind gespeist von unserem Weltwissen und unseren persönlichen Erfahrungen und Sinneseindrücken. Je nach dem, in was für einer Familie wir aufgewachsen sind, haben wir einen verschiedenen Bezug zu "Familie" - das ist die persönliche Ebene. Gleichzeitig wissen wir alle, was eine "Familie" ist und teilen ein paar grundlegende Annahmen darüber. Das nennt Wehling "Weltwissen". Den Begriff halte ich aber für etwas überambitioniert, darum nenne ich es lieber "kulturelles Wissen". ​Anstatt dass unser Gehirn also jedes Mal die Duden-Definition von "Familie" herunterrattert, wenn jemensch vom letzten Weihnachten erzählt, inklusive der Definition von "Nadelbaum", "Lichterkette" und "Gebackene Quittenhälften mit Vanillesauce", ruft es einfach den Frame auf. Tadaaaa!

Der Witz dabei ist, dass das nicht NICHT geht. Wir können nicht an "Familie" denken, ohne dass ein Frame dazu aufploppt. Denn das ist nun mal so, wie unsere Sprachverarbeitung funktioniert. Darum klappt das auch mit dem Gendern und dem "mitmeinen" so schlecht. Denn wir haben alle eine Vorstellung von "Geschlecht" und "Gender", ob wir wollen oder nicht. In unserer Gesellschaft ist es nicht möglich, ohne Geschlecht zu existieren. Es wird uns aufgepresst wie jedem Verkaufsprodukt ein Barcode. Im Detail bedeutet das: Wir haben alle eine Vorstellung von "Männlichkeit" und "Weiblichkeit", denn das ist das vorherrschende Geschlechtermodell. ​Sobald das Wort „Mann“ fällt, denken wir an eine (meist weiße) Person mit Penis, flacher Brust, tiefer Stimme, Hosen tragend und so weiter. Und wenn wir das Wort „Spitzenkandidat“ hören, denken wir an denselben Stereotyp „Mann“ - der vielleicht einen Anzug trägt und ein gewinnendes Politiker-Lächeln aufgesetzt hat oder so.

Auch das Generische Maskulinum unterliegt also der Macht der Frames. Wenn wir die maskuline Personenbezeichnung als Norm akzeptieren, benutzen wir eine Sprache, die in einem patriarchalen System standardisiert wurde und beim Sprechen automatisch dessen Werte und Vorstellungen vermittelt. Denn wir können uns nicht aktiv dafür entscheiden, einen maskulinen Ausdruck mit einer nicht-maskulinen Person zu verknüpfen. Wenn ich „Kunde“ höre, kann ich mir nicht vornehmen den Frame einer Kundin zu aktivieren. Das geht schlichtweg nicht.

Das generische Maskulinum negiert Frauen und TINA*s automatisch - und vielleicht auch mittlerweile ungewollt - in unserer Sprache. Es macht sie unsichtbar, als existierten sie nicht. Das generische Maskulinum erschafft in unserem Gehirn eine Gesellschaft, die nur aus Männern besteht. Es reproduziert alle Vorstellungen der letzten tausenden von Jahren, in denen die Gesellschaft, Politik, Familienleben, Bildung, Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft fast ausschließlich von Männern bestimmt wurde. Ist das ernsthaft eine Vorstellung von Leben, mit der wir uns noch identifizieren wollen?

Wenn unser Gehrin so tut als ob:

Vom Denken zum Handeln

Frames bzw. Deutungsrahmen sind die Strategie unseres Gehirns, damit es innerhalb von Millisekunden einem Wort oder Ausdruck Bedeutung zuordnen kann. Wenn wir Informationen austauschen, passiert das also nie ohne die Mithilfe von Deutungsrahmen bzw. Frames. Weil wir soziale Wesen sind, hängt diese Bedeutung mit unserem kulturellen Wissen zusammen und wegen der Embodied Cognition auch immer mit unseren persönlichen Sinneserfahrung. Letzteres bringt uns zu einem interessanten Punkt. Nämlich dass wir Bedeutungsrahmen nie komplett neutral gegenüberstehen, sondern dass sie immer auch durch eine Art emotionalen Filter laufen. Wehling sagt:

Die meisten unserer Entscheidungen sind vielmehr das Ergebnis unserer gedanklichen Deutungsrahmen. Unserer Frames. Und genau aus diesem Grund, haben Frames auch einen so großen Einfluss auf unser Handeln. Denn, wie wir gelernt haben, ist unser Gehirn so etwas ähnliches wie ein Rugby-Ball-großer, in strukturiertem Chaos organisierter Lappenhaufen. Das bedeutet zum einen, dass mehrere Vorgänge gleichzeitig passieren und zum anderen, dass die Neuronen-Infrastruktur für verschiedene Zwecke genutzt wird. Alles zum Wohle der Effizienz. 

Nochmal: Ein Wort, Laut oder Zeichen wird mit bedeutungsvollem Inhalt gefüllt, indem unsere Neuronen auf unsere eigenen Erfahrungen zurückgreifen. Weiter: Dieses „füttern“ von Neuronen mit Erfahrungen funktioniert so, dass unsere Sprache einfach dieselben neuronalen Gehirnstrukturen nutzt, die auch für die Wahrnehmung von körperlichen Reizen, Berührungen oder Bewegungen genutzt werden.[v] Es gibt also keine extra Rodelbahn, auf der die Sprachinformation herumflitzt, sondern es sind dieselben Rodelbahnen im Gehirn, die auch für anderen Informationstransport genutzt werden. Z.B. für einen Geschmackimpuls oder den Befehl einer Bewegung. Das bedeutet: Wenn wir etwas lesen oder hören SIMULIERT unser Gehirn das Gelesene oder Gehörte auf der Basis von unseren gesammelten und abgespeicherten Erfahrungen mit der Welt. Also es tut so, als würden Sachen passieren, die uns schonmal passiert sind, um uns klar zu machen, was das Gelesene oder Gehörte bedeutet.

Bei der Simulation, also dem So-tun-als-ob, werden jene Neuronen aktiv, die auch bei den tatsächlichen körperlichen Reizen, Berührungen oder Bewegungen aktiv werden. Konkret: Wenn unser Gehirn das Wort „Werkzeug“ verarbeitet, werden Neuronengruppen im motorischen Kortex aktiviert, also dem Teil des Gehirns, das für Bewegungen zuständig ist. Das bedeutet, dass auch bei Sätzen, die Hand- oder Fußbewegungen enthalten (beispielsweise Klavierspielen) dann die entsprechende Muskelaktivität beeinflusst wird. Bei der Aufzeichnung von Gehirnaktivitäten eines Menschen, der sich Fingerübungen geistig vorstellt, arbeitet der motorische Bereich viel stärker als der Rest des Gehirns – obwohl die Person sich nicht bewegt. Bei Wörtern aus der Kategorie „Essen“ hingegen werden Neuronengruppen im gustatorischen System aktiviert, also da, wo unser Geschmackssinn sitzt. Bei akustischen Objekten wie „Glocke“ oder „Tröte“ im auditorischen Kortex und so weiter.[vi]

​Wenn du also jetzt das Wort „singen“ liest, dann tut ein Teil deines Gehirns so, als würdest du tatsächlich singen, um die Bedeutung dessen zu verstehen. Was fehlt, ist der motorische Befehl deines Hirns an alle dazugehörigen Körperteile, diese Aktion wirklich auszuführen. Sonst würdest du immer loslegen zu singen, wenn ich „singe“ schreibe. Das wäre zwar lustig für mich, aber für dich möglicherweise eher unpraktisch.

Unser Gehirn ist ein riesengroßer Speicher an gemachten Erfahrungen. Wir erinnern uns: Nur ca. zwei Prozent davon sind uns bewusst. Der Rest transportiert Inhalte, Bilder, Gefühle, verknüpft Konzepte und bildet Zusammenhänge ohne dass wir es merken. Denken, Verarbeiten, Wahrnehmen und Handeln sind neuronale Prozesse, die miteinander interagieren müssen, um zu funktionieren. Genau deswegen wählen wir eher Männer in Regierungen, wenn nur von "Politikern" die Rede ist. Genau deswegen wollen Mädchen Friseurin werden und Jungs Astronaut, wenn wir nur von "Astronauten" sprechen. Genau deswegen fragen wir eher den Nachbarn, ob er uns kurz mit der Bohrmaschine aushilft, anstatt die Nachbarin, wenn wir nur das Wort "Handwerker" benutzen. Diese sexistischen Entscheidungen treffen die wenigsten von uns bewusst. Aber wir treffen sie. Viele davon jeden Tag. Darum ist es höchste Zeit das Generische Maskulinum, samt seiner gesamten Galerie aus Gender-Frames, mit einer viel genaueren und gerechteren Ausdrucksweise abzulösen.

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Quellen

[i] Lakoff, George / Wehling, Elisabeth: „Auf leisen Sohlen ins Gehirn. Politische Sprache und ihre heimliche Macht“, Carl-Auer, 2016

[ii] Wehling, Elisabeth: „Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht“, Herbert von Halem, 2016

[iii] Buttaroni, Susanna: „Wie Sprache funktioniert: Einführung in die Linguistik für Pädagoginnen und Pädagogen“, Schneider Verlag, 2011

[iv] Wehling, Elisabeth: „Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht“, Herbert von Halem, 2016

[v] Rickheit, Gert / Weiss, Sabine / Eikmeyer, Hans-Jürgen: „Kognitive Linguistik. Theorien, Modelle, Methoden“, Francke Verlag, 2010

[vi] Calvin, William H. / Ojemann, George A.: “Einsicht ins Gehirn. Wie Denken und Sprache entstehen“, dtv, 2000

 Juli Faber 

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