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Gendern ist natürliche Sprachentwicklung

Illustrationen: JUli FAber

Das generische Maskulinum

Wie es entstand und warum es überholt ist

Das generische Maskulinum ist das größte patriarchale Erbe unserer Sprache. Tief eingegraben in unser grammatikalisches System, gibt es Feminist:innen seit den 1980er Jahren viel Grund zum Randalieren und konservativen Heimatverliebten eine beliebte Vorlage für die haarsträubendsten Argumente, warum in unserer Sprache alles so bleiben sollte, wie es ist. Sonst könnte das Deutsche ja kaputt gehen. Oder so. 

Aber was ist das generische Maskulinum überhaupt? Wo kommt es her und wer entscheidet über seine Daseinsberechtigung?

Was ist das generische Maskulinum?

In der deutschen Sprache gilt die maskuline Form von Personenbezeichnungen als Norm. Dieses Phänomen nennen wir "generisches Maskulinum". Konkret bedeutet das, dass z.B. die Belegschaft einer Firma grundsätzlich als Mitarbeiter bezeichnet wird. Das gilt als grammatikalisch korrekt. Dabei ist vollkommen egal, welches Geschlecht die Menschen der Belegschaft haben. Die Ausnahme: Nur wenn ich weiß, dass die Belegschaft ausschließlich aus Frauen besteht, darf ich Mitarbeiterinnen sagen. Muss es aber nicht.


Das generische Maskulinum ist eine grammatikalische Regel. Also etwas, das ihr im Deutschunterricht als falsch und richtig gelernt habt. Oder etwas, das Menschen, die Deutsch lernen, als falsch und richtig lernen. Es ist keine deutsches Phänomen, sondern in vielen Sprachen vorhanden. In eurem Spanisch-Kurs an der Uni oder der VHS lernt ihr es genauso wie im Französischunterricht in der Schule.


Dass mit dem generischen Maskulinum sämtliche Frauen in der Sprache negiert werden, nervt. Soweit klar. Aber das bescheuertste an unserem Genus-System ist seine Binarität. Es kennt für Personenbezeichnungen nur männlich und weiblich, bzw. Maskulinum und Femininum. Intergeschlechtliche Menschen oder nicht-binäre Menschen tauchen in unserem Grammatik-System überhaupt nicht auf. Das ist sehr unpraktisch, denn es macht es kaum möglich über sie zu sprechen, geschweige denn, sie in einen laufenden Diskurs mit einzubeziehen. Die Folge ist, dass Inter* sich zwangsläufig einem Geschlecht zuordnen müssen, um sprachlich zu existieren.


Wir sehen: Das generische Maskulinum ist also extrem ungenau und entspricht überhaupt nicht der Realität. Und trotzdem halten viele von uns daran fest, als würde sein Wegfall ihr Leben bedrohen. Als gäbe es nicht größere Probleme, mal ehrlich.

Deutsche Grammatik:

Wer entscheidet über richtig und falsch?

Zunächst können wir dem euphorischen Kult, der um normierte Sprachregeln besteht, einen ordentlichen Dämpfer verpassen. Denn die Grammatik jeder lebenden Sprache sind weder heilig noch in Stein gemeißelt. Tatsächlich sind viele sprachlichen Regeln nur eine Momentaufnahme, ein "heutzutage sagt mensch das halt so". Aber sobald es in einem Buch steht, auf dem "Grammatik" und vielleicht noch "Duden" steht, denken alle: So und nie wieder anders! Und das sogar auch, wenn das eigentlich schon kein Mensch mehr so sagt.


Denn Sprache verändert sich ständig. Permanent. Sie ist immer im Flow. Jede Generation und jede Soziokulturelle Gruppe verändert Sprache. Jede hat ihren eigenen Slang. So wurden „dufte“ und „knorke“ zu „Hammer“, „nice“ oder (aus meiner persönlichen Bubble) „gediegen“. Es sind aber nicht nur Begriffe, die sich wandeln, sondern die Veränderung passiert auch in der Grammatik. Zum Beispiel werden Wörter, die einen Satz unnötig verlängern und kompliziert machen, gelöscht. Ein Beispiel aus meiner Realschulzeit in Stuttgart-Feuerbach: Der Satz „Treffen wir uns heute am Wilhelm-Geiger-Platz?“ wurde als „Geh‘ ma Geiger?“ ausgedrückt. Knackig und kompakt.


„Aber das ist ja gar nicht richtig“, sagt ihr jetzt „Das ist doch Umgangssprache, das zählt nicht.“


Ist das so? Wer sagt denn, was grammatikalisch richtig ist und was nicht? Eure Deutschlehrerin? Der Duden? Eure große Schwester, die alles besser weiß? Weder noch. Die Wahrheit ist: Niemensch.


Lustig aber wahr: Es gibt keine Institution, die euch vorschreiben kann, wie ihr schreiben und sprechen sollt. Es gibt zwar eure Professor:innen und Lehrer:innen, die sagen, was sie in euren Prüfungen und Arbeiten als richtig und falsch BEWERTEN werden. Aber was wirklich richtig und falsch IST, darüber gibt es kein Gesetz oder gar einen gesamtgesellschaftlichen Konsens. Wir alle sprechen je nach Region, in der wir leben, je nach sozialer Schicht, in der wir aufgewachsen sind und je nach kulturellem und politischem Umfeld, das uns umgibt, unterschiedlich. Es gibt zwar Sprachinstitutionen, die die deutsche Grammatik analysieren, über sie diskutieren und Empfehlungen für staatliche Einrichtungen aussprechen - z.B. entscheidet das Kultusministerium auf Grundlage von Empfehlungen des Rats für deutsche Rechtschreibung, was an Schulen, Universitäten und Behörden als richtige und falsche Rechtschreibung gilt - aber alles darüber hinaus, ist komplett unreguliert.


Wenn es um Sprachentwicklung geht, ist für Sprachwissenschaftler:innen das gesprochene Wort genauso relevant wie das, was in einem Grammatikbuch steht. In mancher Hinsicht ist das gesprochene Wort für die Wissenschaft sogar wertvoller, weil es viel mehr über soziale und kulturelle Realitäten verrät als irgendein verstaubtes Nachschlagewerk.


Normierte Grammatiken sind nicht grundsätzlich schlecht, nicht falsch verstehen. Sie sind praktisch, um Fremdsprachen zu lernen und dafür, dass sich möglichst viele Menschen gegenseitig verstehen – in unserem Fall, alle Menschen, die im deutschsprachigen Raum leben. Aber vor allem ist eine normierte Grammatik für die Klugscheißer:innen unter uns praktisch, denn sie dient ihnen als vermeintlichen Beleg für „das heißt die Butter und nicht der Butter“ oder „es heißt ‚Ahmads Smartphone‘ und nicht ‚Ahmad sein Smartphone‘“. Darum sollten wir sie auf keinen Fall überbewerten.
 

Historische

Sprach-entwicklung:

Wie entstand das Generische Maskulinum?

Die Tagesschau ist eine der wenigen Orte, an denen Standarddeutsch gesprochen wird.

Der Begriff "generisches Maskulinum" als solches wird erst seit Ender der 1970er Jahre verwendet. Und erst 1995 erwähnte es erstmals eine Duden-Grammatik [i]. Es ist also kein Konzept, auf dem Menschen schon seit Jahrhunderten herumreiten, sondern existiert als Idee erst seit ca. 50 Jahren. Verglichen mit dem Alter unserer Sprache ist das extrem jung. Darum stellt sich die berechtigte Frage: Wie kam es dazu?


Grammatik und gesprochene Sprache sind zwei verschiedene Dinge. Ein Dozent von mir hat sogar mal gesagt, dass die einzige Person, die tatsächlich Standarddeutsch spricht, der:die Nachrichtensprecher:in der ARD sei. Sonst niemensch. Wie dieses Standarddeutsch aussieht, dafür ist heutzutage unser Kultusministerium zuständig. Das entscheidet über Rechtschreibung und Grammatik für staatliche Institutionen - also quasi welche sprachlichen Normen den unvoreingenommenen und nichtsahnenden Schüler:innen der Grund- und Mittelschule übergestülpt werden. Zack! Alle rein in den Sack. Und auch die Schweiz, Österreich und andere Länder in denen Deutsch Amtssprache ist, orientieren sich an den Entscheidungen des Kultusministeriums der BRD. Aber so einig waren sich die Menschen im deutschen Sprachraum nicht immer.


Als die erste deutsche Grammatik geschrieben wurde, gab es extrem viele Dialekte und Soziolekte von jener Sprache, die wir heute „Deutsch“ nennen. Fast jede Region, jede soziale und kulturelle Gruppe hatte ihre eigene Sprache. Diese Sprachen hatten einige Gemeinsamkeiten aber auch sehr viele Unterschiede. Früher gab es beispielsweise noch nicht die Unterscheidung zwischen dem Niederländischen und dem Deutschen. Beides hat inzwischen seine eigene normierte Grammatik. Wenn wir Niederländisch lesen, können wir vieles nachvollziehen und verstehen so ungefähr, was gemeint ist. Aber aktiv einen Satz aus dem Nichts auf Niederländisch zu formulieren – puh, dafür brauchen wir erst einen VHS-Kurs (oder Google-Translator). Genauso wenig versteht eine Person aus Süddeutschland Platt und eine Person aus Norddeutschland Bayrisch oder Schwäbisch. Alles verschiedene Sprachen. Welche davon ist jetzt richtig und welche falsch?


Darüber hat so ab dem 18. Jahrhundert vor allem eine Menschengruppe näher diskutiert: Akademische, weiße, christliche Typen. Die ersten Schreibzentren gab es in Klöstern. Später dann in Städten und Adelszentren. Frauen haben damals selten schreiben gelernt, also waren es logischerweise Männer, die unsere schriftliche Sprache maßgeblich geformt haben. Angefangen mit Martin Luther (geb. 1483) und Martin Opitz (geb. 1628), über die Luther-Fans Johann Gottsched (geb. 1700) und Johann Adelung (geb. 1732), ging es weiter mit den Gebrüdern Grimm (genau, die mit den Märchen) (geb. 1785/86) und mit Schiller, Goethe und beiden Humboldts (auch alle 18. Jhdt.), bis das „Hochdeutsch“ seinen letzten großen Meilenstein mit Konrad Duden (1829) fand.


All diese Menschen mit Penis haben ihre linguistischen Konzepte auf dem „Ostmitteldeutsch“ aufgebaut. Das ist die Sprache, die ungefähr im heutigen Sachsen gesprochen wurde. Dieser Dialekt wurde aus verschiedenen politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Gründen, gepaart mit einer hübschen Portion Zufall, zur Grundlage für die deutsche Hochsprache erklärt und dementsprechend gestutzt, geformt und standardisiert.


Die Meisten von diesen Sprachgelehrten waren Mitglieder in so genannten Sprachgesellschaften. Das waren patriotische bis nationalistische Clubs, zu denen überwiegend – ratet mal! - Männer gehörten. Frauen, die Mitglied in einer Sprachgesellschaft waren, lassen sich an einer Hand abzählen. Diese Sprachgesellschaften hatten es sich zur Aufgabe gemacht die „Deutsche Hochsprache“ (aka „Ostmitteldeutsch“) zu pflegen, zu formen und zu erhalten. Die bekannteste und größte Sprachgesellschaft war die „Fruchtbringende Gesellschaft“, auch genannt „der Palmenorden“ (die by the way 2007 wieder neu gegründet wurde – das muss der Fortschritt sein, von dem alle reden). Dieser Palmenorden formulierte den Grund seines Daseins so:


Deren Zweck ist darauf gerichtet, dass man die hochdeutsche Sprache in ihrem rechten Wesen und Stande ohne Einmischung fremder ausländischer Worte aufs möglichste und tunlichst erhalte und sich sowohl der besten Aussprache im Reden als der reinsten Art im Schreiben und Reime dichten befleißige.“[ii]


Auf Neudeutsch: Das Hochdeutsch ist eine der heiligsten Sprachen der Welt und wir müssen sie in ihrer Reinheit bewahren und vor ausländischen Einflüssen schützen, damit sowohl Fremdwörter keine Chance haben, als auch die Aussprache möglichst deutsch (aka „ostmitteldeutsch“) bleibt.


Also wer sich noch nicht davor gegruselt hatte, dass unsere Sprache ausschließlich von Männern normiert wurde, diese Person sollte spätestens jetzt skeptisch werden. Für unsere heutige Standartsprache bedeutet es nämlich, dass sie das Ergebnis einer linguistischen Logik deutscher Patrioten ist, die in einer Zeit lebten, in der allgemeinhin der Aderlass zur Behandlung von Krankheiten noch als gute Idee galt. Was diese weißen, nationalistischen, christlichen Typen in ihre Grammatiken, Texte und Wörterbücher geschrieben haben, war die Sprache, die SIE kannten, die aus IHRER Perspektive logisch und richtig war. Und da damals ausschließlich Männer über intellektuelle und politische Macht verfügten, hat das auch niemensch in Frage gestellt.


Dass sich Luther, Duden und Co. vor allem im Maskulinum ausdrückten, überrascht also nicht. Es traf den Puls der Zeit. Das generische Maskulinum hat sich etabliert, weil die meisten Berufe von Männern besetzt waren. Frauen waren damals einfach wirklich nicht mitgemeint. Wenn mensch damals die maskuline Form benutzte, meinte mensch wohl eben Männer – allein aus dem Grund, weil vor allem Männer am öffentlichen Leben mitgewirkt haben. Dass das heute anders ist, ist klar. Frauen stehen in vielen Positionen der Öffentlichkeit. Aber in die Sprache dürfen sie nicht? Wie unlogisch. Außerdem sind wir im jetzigen 21. Jahrhundert doch wohl weitsichtig genug, als dass wir Geschlecht noch in ein männlich-oder-weiblich-Korsett zwängen müssten. Sollte mensch meinen. Wir haben schließlich dazugelernt (das wurde mir zumindest im Geschichtsunterricht immer versichert). Das generische Maskulinum ist also ein generischer Masku-Dino und gehört nur an einen einzigen Ort: ins Museum.

Quellen

 Juli Faber 

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