Alpine Divorce? Toxischer Alpinismus!
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Es gibt ein neues, sehr wichtiges feministisches Wort, das gerade in den Medien kursiert: Alpine divorce. Aber leider hält es nicht, was es verspricht.

In diesem Frühjahr 2026 häufen sich auf Social Media die Berichte von Frauen, wie sie beim Wandern und Bergsteigen von Männern allein zurückgelassen wurden. Frauen erzählen, dass sie von Partnern angeschrien wurden, weil sie nicht mehr konnten. Sie erzählen, dass Männer von ihnen wegrannten, um der Allererste am Gipfel zu sein. Sie erzählen, dass sie verletzt alleingelassen wurden und Panikattacken ertragen mussten.
Auslöser für diese Flut an teilweise sehr emotionalen Erfahrungsberichten war der Fall von Kerstin G., für die genau solch eine Situation tödlich endete. Vor über einem Jahr erfror sie beim Besteigen des Großglockners, erschöpft und alleingelassen von ihrem Partner, den im Februar ein österreichisches Gericht für grob fahrlässige Tötung für schuldig erklärte.
Alpine divorce ist verharmlosend
Während sich die einen brüskieren, ob er wirklich für den Tod seiner Freundin verantwortlich gemacht werden kann und andere eine höhere Strafe fordern, wird in den sozialen Netzwerken eins immer deutlicher: Männer lassen ihre Tourenpartnerinnen mitten in der Wildnis häufiger allein. Dieses egoistische Gehabe scheint System zu haben. Darum hat das Phänomen einen Namen bekommen – nur leider keinen guten: Alpine divorce, auf Deutsch Alpine Scheidung.
Ich wohne in Oberbayern, freiwillig, aus Gründen. Wenn ich aus dem Fenster schaue, glotze ich direkt auf das felsige Massiv des Kaisergebirges. In unserem WG-Keller lagert eine ganze Sport-Schuster-Abteilung an Bergsteigequipment. Ich war selbst schon mit meinem Ex-Partner in (für mich) herausfordernden Situationen am Berg - aber zum Glück haben wir uns aber aus anderen Gründen getrennt. Ich gehöre zum Kreis der weiblichen Personen, die wissen, wie es sich anfühlt, in einem Gelände, in dem dich ein falscher Schritt in den Tod stürzen könnte, auf die Expertise und die Erfahrung einer anderen Person angewiesen zu sein. Alpine divorce ist eine sprachliche Verharmlosung, die hier nicht angebracht ist. Es ist dasselbe Muster, nach dem Femizide blumig “Beziehungsdramen“ genannt werden und nicht das, was sie eigentlich sind: Die Tötung von Frauen, weil sie Frauen sind.
toxischer Alpinismus ist Toxische Männlichkeit in ihrer sportlichsten Form
Im Alpinsport sterben mehr Männer als Frauen. Im Jahr 2024 waren 87% der österreichischen Todesfälle am Berg männlich. Laut Studien sind Männer risikoaffiner und wettbewerbsorientierter. Es ist toxische Männlichkeit in ihrer sportlichsten Form. Und damit hätten wir auch schon den Grund für die alpine Gewalt, die Frauen erleben und ein viel passenderes Wort für ihre traumatischen Erfahrungen: toxischer Alpinismus.
Der Begriff Alpine divorce geht auf die gleichnamige Kurzgeschichte von Robert Barr aus dem Jahr 1893 zurück, in der ein Mann seine Ehefrau in den Bergen in den Tod stößt, um sie loszuwerden. Wer auf die Idee kam dieses staubige Stück Literatur aus dem vorletzten Jahrhundert auszugraben ist nicht klar. In jedem Fall wird sein euphemistischer Titel nicht der realen Gewalt gerecht, von der manche Frauen erzählen. Eine Scheidung (divorce) kann auch einvernehmlich, ganz ohne Trauma ablaufen. Bei dem, was die Alpine divorce benennen soll, haben wir es aber mit einer extrem hinterfotzigen Form von patriarchaler Gewalt in der westlichen Welt zu tun, die einen angemessenen Namen braucht.
Die Frauen, die Opfer von toxischem Alpinismus wurden, waren fit und teilweise sehr erfahrene Bergsteigerinnen. Doch vom eigenen Partner bei Nacht, im Schnee und erschöpft am Fels des höchsten Gipfels Österreichs zurückgelassen zu werden, darauf kann sich kein Mensch vorbereiten. Darum verstehe ich jede Person, die ab jetzt keine Lust mehr hat mit Männers in die Berge zu gehen. Finde ich okay. Vielleicht wird dann auch der Berg immer mehr ein feministischer Raum, in dem wir zwar nie ganz sicher vor Wetter, dem Fels, der Tiefe seien werden – aber wenigstens sicher vor fahrlässigen Entscheidungen so mancher Männer.



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