Woher kommt das Wort "woke"?
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Und wieso zur Hölle müssen wir uns überhaupt diese Frage stellen?
Viele von uns, die Mainstream-Nachrichten konsumieren und Polit-Talkshows im Öffentlich-Rechtlichen schauen, haben keine positive Konnotation mit dem Wort woke. Das liegt vermutlich daran, dass es in der deutschen Berichterstattung vor allem mit elitären und negativ assoziierten Begriffen wie „Indoktrinierung“ und „Ideologie“ verbunden wird [i]. Schuld daran sind Rechtspopulist:innen und Faschist:innen, die Wörter wie woke ganz bewusst negativ framen und naive oder rechte Medienschaffende, die Formulierungen von Rechtspopulist:innen unverändert, ohne kritische Einordung, übernehmen. Dieser billige Trick ist so einfach und durchschaubar, wie er erfolgreich ist. Aber neu ist er nicht.
Inhalt

Von Faschismus zu woke: Dass Rechte linke Sprache umdeuten, hat Tradition
Faschist:innen sind sehr gut darin, sich linke Begriffe anzueignen und schaffen es durch ihre Dreistigkeit und Rücksichtslosigkeit uns ihre eigene Interpretation davon – Achtung, schwieriges Wort - einzuhämmern. Diese Formulierung stammt tatsächlich aus der Nazizeit[ii] und zeigt wie gewaltvoll Faschist:innen vorgehen wollen(!), um gesamtgesellschaftliches Denken zu beeinflussen.
National-sozialistisch, Solidarität, Gerechtigkeit – alles eigentlich progressive Wörter, die sich die Rechte aneignet. Ja sogar der italienische Begriff fascismo, kommt eigentlich aus der sozialistischen Arbeiter:innenbewegung des 19. Jahrhunderts. Das italienische Wort fascio bedeutet eigentlich nur „Bund“ und bezog sich auf sozialistische Arbeiter:innen-Bünde, wie beispielsweise den Fasci Siciliani dei Lavoratori, den „Sizilianische Arbeiterbund“. Erst ab 1919 wurde der Begriff durch Mussolinis Fasci di combattimento (dt. „Kampfbünde“) umgedeutet und als Faschismus auch ins Deutsche entlehnt.[iii]
Die Folgen von rechtem Re-Framing sind hart
Was sich die Rechte nicht aneignet, bekommt gerne einen neuen Anstrich verpasst und wird mit diesem anschließend der Öffentlichkeit vorgeführt. So sind Bezeichnungen von Gruppen, die für das gute Leben für alle kämpfen, zu Beschimpfungen geworden. Öko, Emanze, ja sogar das Wort Antifaschist:in wird im deutschsprachigen Raum wie eine dead-name benutzt, als würde es um einen Menschen gehen, dessen Namen nicht genannt werden darf.
Die Folge davon ist, dass Menschen unrechtmäßig kriminalisiert werden und Repression erfahren, wie erst kürzlich die antifaschistische Person Maja T.. Maja wurde von einem korrupten ungarischen Gericht zu acht Jahren Haft verurteilt, nachdem Maja unrechtmäßig von den deutschen Behörden ausgeliefert worden war. Die verantwortliche Bundesregierung hat den Fehler eingeräumt, sich aber einen Furz darum gekümmert, dieses fatale Vergehen wieder rückgängig zu machen, sondern schaut teilnahmslos dabei zu, wie die AfD Ungarn applaudiert.
„Woke“ ist noch nicht verloren
Sprache hat Konsequenzen. Sie kann Legitimität geben und nehmen und in dem Fall von woke sind es weisse Nationalist:innen, die einer schwarzen Community einen Protestbegriff stehlen. Woke ist die Vergangenheitsform des Englischen to wake up, bedeutet also „aufgewacht“ und wurde vor allem von dem Musiker Lead Belly und dem Autor William Melvin Kelley geprägt. In den 1930ern wurde es zu einem Schlagwort der Bürger:innenrechtsbewegung, einem Ausdruck politischen Bewusstseins über weiße Vorherrschaft und Gewalt gegen Schwarze. Mit den Black Lives Matter Protesten von 2014 wurde das Wort durch #StayWoke wieder besonders populär – im Sinne von: Seid wachsam gegenüber rassistischer Polizeigewalt!
Woke ist ein sehr aktuelles Beispiel von progressiven Begriffen, die konservative Erzählungen zu einer Art Schimpfwort umdeuten. Aber in gerade diesem Fall ist es vielleicht noch nicht zu spät, es zu retten. Solange wir nicht vergessen, wo es herkommt und was es bedeutet, können rechtspopulistische Trugbilder nicht unseren Kopf mit ihrem Frame benebeln. Solange wir uns an die wahre Bedeutung von woke erinnern, können wir jedes Mal, wenn wir das Wort hören, Rechtspopulist:innen ein Schnäppchen schlagen und solidarisch an die emanzipatorischen Kämpfe von People of Color denken, denen woke eigentlich gehörte. Lasst die Neo-Faschist:innen nicht in eure Köpfe - stay woke!
Quellen
[i] Laut Wortprofil des Digitalen Wörterbuch der Deutschen Sprache: https://www.dwds.de/wb/woke, zuletzt abgerufen am 20.02.2026.
[ii] Breil, Angelika: „Studien zur Rhetorik der Nationalsozialisten. (Fallstudien zu den Reden von Joseph Goebbels)“, Ruhr-Universität Bochum, ?.
[iii] Kluge – Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, De Gruyter, 25. Auflage, 2011.



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