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Silvester, der Sesselfurzer

Aktualisiert: 29. Dez. 2025

Seit wann wir den letzten Tag des Jahres Silvester nennen und wieso das eine furchtbar schlechte Idee war



Ich liebe den letzten Tag im Jahr. Diesen zu zelebrieren, auf die letzten zwölf Monate zu schauen, micht gemeinsam mit Freund:innen an Hochs und Tiefs zu erinnern und von neuen Abenteuern und Urlauben im nächsten Jahr zu träumen, finde ich eine der wenig sinnvollen Traditionen, die wir in Deutschland haben. Ob gemütlich mit Punsch vor einem knisternden Ofen oder mit mehreren Flaschen Sekt auf einem großstädtischen Dach – ich konnte den Übergang der Jahre immer mit gutem Gewissen feiern, weil ich wusste, er ist abgekoppelt von aufgestempelter Kultur und christlicher Religion und ich war nicht gezwungen, die Geburt oder Auferstehung oder den Tod irgendeines Heiligen zu feiern. Dachte ich.


Illustration des Bildes der kontantinischen Schenkung mit albernen Details
Julis "Konstantinische Schenkung": Genauso wahr wie das Original (s.u.).

Der 31. Dezember ist der Todestag eines überschätzen Heiligen


In Wahrheit steht es um diesen Tag so: Wir in Deutschland haben uns von einer eineinhalbtausend Jahre währenden, papstgetreuen Marketingkampagne einlullen lassen und nennen den letzten Tag im Jahr Silvester, weil der erste Papst des Christentums so hieß. Silvester I. starb ausgerechnet am 31. Dezember 335 und versaut mir persönlich damit meine Endjahresparty. Ab dem 5. Jahrhundert gedachten schon gläubige Christ:innen Silvester I. an seinem Todestag und ab dem 8. Jahrhundert steht er als Namenstag in christlichen Kalendern. Allerdings haben wir erst im 19. Jahrhundert gesamtgesellschaftlich damit angefangen, diesen Tag im Deutschen Silvester zu nennen.[i] Aber wenn wir uns Silvester I. als Person genauer anschauen, war diese Namensgebung total unverdient.


Wer war Papst Silvester I.?


Ca. 100 Jahre nach seinem Tod wurde Papst Silvester I. heiliggesprochen. Dafür braucht es selbstverständlich ein paar gute Stories. Ihm wurden klassische übernatürliche Fähigkeiten zugesprochen, wie, dass er den Christ:innen-Hasser Kaiser Konstantin I. nur durch das Auflegen seiner Hände von der Lepra geheilt hätte, oder dass er einen toten Stier mit Hilfe Gottes wieder zum Leben erweckt hätte. Letzteres hat einen besonders bitteren Beigeschmack, da der Legende nach der Stier explizit durch die Worte eines Juden getötet worden sein soll. Der Umstand, dass diese Erzählung Silvester I. auch zum Schutzheiligen für Haustiere machte,[ii] macht es nicht gerade besser. Zusammen mit den weltlichen Geschichten rund um Silvester I., stilisiert ihn das Gesamtpaket an Legenden zu einem ruhmreichen Befreier der im römischen Reich unterdrückten und verfolgten Christ:innen. Leider liegt es in der Natur von Legenden, dass sie... naja, wie soll ich es sagen... schlichtweg gelogen sind.



Darstellung der Konstantinischen Schenkung auf einem Fresko von 1246, Silvesterkapelle bei der Basilika Santi Quattro Coronati in Rom
Darstellung der Konstantinischen Schenkung auf einem Fresko von 1246, Silvesterkapelle bei der Basilika Santi Quattro Coronati in Rom

Beispielsweise soll er Kaiser Konstantin getauft haben. Das ist aber historisch nicht haltbar. Die politisch relevanteste Erzählung ist aber vermutlich die der „Konstantinischen Schenkung“. Laut dieser hätte ihm Kaiser Konstantin I. persönlich eine Urkunde und die römischen Insignien als Zeichen der weltlichen Herrschaft über Rom übergeben und ihn damit als Papst, d.h. als erster christlicher Herrscher mit politischer Macht, bestätigt. Das überhöht die Rolle, die Papst Silvester I. für das Christentum dieser Zeit gespielt hat, maßlos. Die so genannte „Konstantinische Schenkung“ hat es nie gegeben. Und als Silvester zum Papst gewählt wurde, gab es bereits seit einem Jahr Religionsfreiheit im römischen Reich, die gewiss nicht ihm zu verdanken war.


Die Zeit um seine Papstwahl im Jahr 314 war turbulent und eine wichtige Episode in der Geschichte des Christentums. Ihr ging eine schmerzvolle Phase von Verfolgung und Unterdrückung der Christ:innen voraus, bis die römischen Kaiser Konstantin I. und Licinius mit dem Edikt von Mailand den Christ:innen Religionsfreiheit schenkten. Gleichzeitig war der patriarchale Character des Christentums in den ehrgeizigen politischen Zielen vieler Christen zu spüren. Auf mehreren Konzilen – z.B. in Arles (314) oder in Nicäa (325) – wurde über interne Religionsfragen diskutiert, um das Christentums zu einer stabilen Staatsreligion zu formen. Da sollte ein erster Papst doch mit am Tisch sitzen, die Religionsfreiheit verteidigen und eine zündende Idee für die Festsetzung des Osterfeiertags einbringen. Möchte eins meinen. Aber Silvester war bei keinem dieser Treffen dabei. Seine Begründung: Er könne die Apostelgräber in Rom nicht im Stich lassen. Aha.


Alternativen zum Wort Silvester


Silvester I. bewachte also lieber einen Haufen verrotteter Knochen, anstatt sich hitzigen Diskussionen um religiöse und politische Theoriefragen hinzugeben. Fair, kann er machen. Aber zum Befreier der Christenheit macht ihn das nicht. Das Witzigste daran ist, dass lat. silvestris übersetzt „waldig“ oder „wild“ bedeutet. Vielleicht hat der waldig-wilde Silvester kleine Privatparties mit den toten Aposteln und sehr viel Wein auf dem Friedhof in Rom gefeiert. Das fände ich eine annehmbare, weil verrückte, Erklärung für unsere heutigen Silvesterfeiern. Und wer nicht länger einen Sinn darin sieht, am letzten Tag des Jahres einem waldigen Grabaufpasser und Sesselfurzer zu gedenken, kann den Tag vor Neujahr auch einfach Waldtag nennen.


Wem das (verständlicherweise) zu weit hergeholt ist, schlage ich das Wort Altjahrstag als Alternative vor. Das ist in der deutschsprachigen Schweiz gebräuchlich und findet auch in Österreich ab und an Verwendung. Darum liegt es nahe, dass wir es auch in Deutschland verwendeten, bevor ein Papst-Silvester-I.-Fanclub ihren Lieblingsheiligen sehr erfolgreich in unseren Sprachgebrauch etablierte. Wie genau es dazu kam weiß ich nicht, aber es ist offensichtlich, dass hier weniger wahre Heldentaten als gutes Marketing im Spiel war. Für die Zukunft wissen wir jetzt: Augen auf bei der Festtagsnamenswahl!

 

 


[i] Kluge – Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, De Gruyter, 25. Auflage.

 

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