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Exit-Game Genderwahn

Das Ausmaß der Gewalt unseres binären Sprachsystems


Ihr habt doch von diesem Genderwahn gehört. Aber wisst ihr auch wer von ihm befallen ist und wie weit diese Menschen bereit sind zu gehen? Welche blutigen Gewalttaten sie verübt und wie viele Menschen sie im wahrsten Sinne des Wortes ans Messer geliefert haben? Es tut mir weh, das zu sagen, aber in einer Sache haben die Rechtspopulist:innen recht: Wir leben im Genderwahn – nur anders als sie behaupten. Und viel grausamer als sie behaupten. Leider ändert sich nur langsam etwas.


Illustration der griechischen Gottheit Hermaphroditos, die den abgetrennten Kopf von Kulturstaatsminister weimer hoch hält, dahinter das Inter* Symbol

Der binäre Genderwahn: eine christlich-patriarchale Erfindung


Laut Duden ist ein Wahn eine „krankhafte, in der realen Umwelt nicht zu begründende zwanghafte Einbildung“. Und das beschreibt exakt, wie große Teile der deutschen Politik und Gesellschaft das binären Geschlechtermodell sehen. Denn eigentlich ist es absolut nichts neues, dass es Menschen gibt, die weder männlich noch weiblich sind. Dieses Phänomen ist so alt wie die Menschheit. Ach Banane, es ist wahrscheinlich sogar älter, wenn wir überlegen, wie viele Fische und wirbellose Tiere wie Schnecken und Regenwürmer das mit der Geschlechtszuordnung nicht so genau nehmen.


Früher, in präkolonialen, bzw. vor-christlichen Kulturen, wurde die Existenz von mehr als zwei Geschlechtern auch unter Menschen kulturell ausgedrückt. In manchen Regionen ist das bis heute der Fall. So gibt es im Hinduismus die Gestalt Aardhanārīśvara, die den männlichen Gott Śiva und seine Frau Paravati in einer Person vereint. Oder im alten Griechenland war die Gottheiten Hermaphroditos fester Bestandteil der Mythologie.


Genitalverstümmelung an Kindern als gängige Praxis in Deutschland


Im modernen Deutschland hingegen wurden intergeschlechtliche Kinder Jahrzehnte lang ohne ihre Einwilligung umoperiert, damit sie in die männliche oder weibliche Kategorie passen. Erst 2021 trat ein Gesetz in Kraft, das diese Form der Genitalverstümmelung verbietet. Das ist die grauenvolle Realität. Auf unseren Straßen laufen tausende von Menschen herum, die ihr Leben lang Schmerzen oder gesundheitliche Schäden davon tragen, dass an ihrem Körper herumgeschnitten und -therapiert wurde. Chronische Blasenschwäche durch künstliches Weiten der Vagina, erhöhtes Krebsrisiko wegen unnötiger Hormontherapien - klingt das für euch nach einem gesunden Umgang mit Geschlecht? Für mich klingt es nach einer zwanghaften Verleugnung der Realität, ein Hinwegsetzen über Selbstbestimmung, das Wohlergehen und die Unversehrtheit von Menschen. Ein Wahn.


Und das ist ja noch nicht alles, du begegnest dem Wahn in jedem deiner Lebensphasen: Ein Bankkonto eröffnen, eine Sozial- oder Krankenversicherung abschließen, eingeschult werden, Klamotten oder Kosmetik kaufen, Internetshopping, auf’s Klo gehen im öffentlichen Raum – für all diese existentiellen Dinge wird eine Geschlechtszuordnung verlangt und wenn du nicht männlich oder weiblich bist, hast du oft die Arschkarte. Was muss es mit einem Menschen machen, der Tag für Tag an den Narben seiner Zwangskastration nagt und bei jedem verdammten Online-Formular auf’s neue daran erinnert wird, dass es nur zwei Geschlechter zu geben hat und er eigentlich nicht existieren sollte. Ohne Grund. Einfach so.


Täuschung und Verblendung der deutschen Sprache


Nicht zuletzt hat sich unser grammatikalisches System an diese Wahnvorstellung von nur zwei Geschlechtern angepasst. Mit unseren aktuellen Sprach-Repertoires und Regelungen ist es uns kaum möglich grammatikalisch korrekt über nichtbinäre Menschen zu sprechen – dabei sind wir statistisch gesehen alle schon einmal einer intergeschlechtlichen Person begegnet. Es ist also nicht nur die Medizin, die hier über Jahrhunderte einen grausamen Gott spielt, es sind wir alle, die Deutsch sprechen und so tun, als wäre eine Doppelnennung der Genera geschlechtergerecht. Geschlechtergerechte Sprache braucht Sonderzeichen, damit sie funktioniert. Denn anders als Frauen, sind nicht-binäre Menschen in unserer Sprache nicht nur unterrepräsentiert, sondern schlichtweg nicht vorhanden.


Inter* unite! Die gewonnenen Kämpfe der intergeschlechtlichen Community


Zum Glück gibt es seit 2018 den Geschlechtseintrag „divers“, seit 2021 das erwähnte Verbot für Genitaloperationen von Kindern ohne deren Einwilligung und seit 2024 das neue Selbstbestimmungsgesetz. Es bewegt sich etwas und das hat für viele Betroffene die Situation verbessert. Trotzdem scheint ein Großteil der deutschen Politik und Gesellschaft immer noch von diesem binären Genderwahn befallen zu sein. Beweise dafür sind binäre Kaufhausabteilungen, binäre Umkleidekabinen, binäre Berichterstattung über Frauen und Männer im Allgemeinen und eine binäre Grammatik, die uns permanent eine binäre Realität vorlügt. Die Politik zieht mit und erlässt ein Genderverbot nach dem anderen und erstellt behördliche Listen von Menschen, die vom neuen Selbstbestimmungsrecht Gebrauch machen und ihren Namen ändern lassen. Jep, ganz genau, wie die Nazis damals.


Raus aus dem Wahn: Geschlecht ist ein Spektrum.


Es ist absolut verständlich, dass uns das erstmal irritiert, wenn unsere erlernte Ordnung durcheinandergewirbelt wird. Wenn unser Gehirn neue Konzepte von Geschlecht aufbauen muss. Dabei kommen viele Fragen auf, auf die es noch nicht alle eine Antwort gibt. Und ja, vor allem ein neues Sprechen über und mit nicht-binären Menschen ist herausfordernd und Fehleranfällig. Das alles ist aber kein Grund, sich dem Realitätscheck zu verweigern und vor der Existenz der geschätzt 160.000 bis 200.000 nicht-binären Menschen in Deutschland die Augen zu verschließen. Sie einfach weg haben zu wollen. Sie weg zu sprechen. Das ist, als würde eine neue Regel eingeführt werden, dass zwei plus zwei fünf ergibt. Es ist einfach faktisch falsch.


Eine:r meiner engsten Freund:innen ist nicht-binär. Ich bin über jeden Tag dankbar, den ich mit diesem Menschen verbringen darf und kann mir ein Reden in Binarität überhaupt nicht mehr vorstellen. Es gibt kaum einen Menschen, von dem ich so viel über soziales und biologisches Geschlecht und unsere absurden Vorstellungen davon lernen konnte, wie von dieser Person. Und zwar aus ihrem Alltag. Geschlecht ist ein Spektrum. Sobald wir das als Gesellschaft erkannt haben, schaffen wir es vielleicht, uns selbst und andere nicht mehr auf ein Mann- oder Frausein zu reduzieren, sondern uns allen als die Charaktere und Individuen zu begegnen, die wir sind. Im schlimmsten Fall verlieren wir also nur eins von so einhundert Weltbildern, wenn wir aus dem Exit-Room namens Genderwahn ausbrechen. Im besten Fall haben wir alle etwas davon.


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